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Interview  
19.07.2016

Wandel der Arbeitsmedizin

ESV-Redaktion Arbeitsschutz
Arbeitsmediziner Axel Hauber
Axel Hauber im Interview zu den ge�nderten Anforderungen an Arbeitsmediziner und welche Berufsgruppen heute besonders psychischem Stress ausgesetzt sind.

Die Arbeitsmedizin ist umfangreicher geworden. Welche Felder sind hinzugekommen?

Die Arbeitswelt hat sich gewandelt. Während früher die klassische Arbeitsmedizin im produzierendem Gewerbe vorgefunden wurde, ist mit dem Strukturwandel der Arbeitsplätze, der Einführung und zunehmenden Umsetzung der gesetzlichen Bestimmungen in weiteren Branchen und dem Anstieg von verschiedenen kaufmännischen Tätigkeiten die Arbeitsmedizin auch in diesen Bereichen überwiegend etabliert. Arbeitsmediziner können bei Betriebsbegehungen und Gefährdungsbeurteilungen den Unternehmer aufgrund ihrer Fachkenntnisse beraten.

Mit der Auslandsaktivität und der Globalisierung ist zum Beispiel die Reisemedizin Teil der Arbeitsmedizin geworden. Mitarbeiter, die regelmäßig und auch länger im Ausland tätig sind, müssen umfassend vorbereitet und ggf. engmaschig auf ihren Gesundheitszustand untersucht werden. Die individuelle Reiseberatung mit dem gesamten Impfwesen und den Verhaltenstipps sind Bestandteil der Betreuung.

Wie steht es mit psychosomatischen Erkrankungen im Rahmen des betrieblichen Arbeitsschutzes? Nehmen diese zu?

Ja, leider müssen wir feststellen, dass diese Erkrankungen stark zunehmen. Arbeitsverdichtung, Arbeitstempo, ggf. Druck und Angst sind meist die Auslöser. Zur Krankheitsabwehr bedarf es im Prinzip einer verantwortungsvollen Personalführung einerseits und eines loyalen Arbeitnehmerverhaltens anderseits. Gerät dieses verknüpfte System (Verhältnis) ins Ungleichgewicht, sind langfristig der gesundheitliche Schaden des Mitarbeiters und der wirtschaftliche Schaden des Unternehmens vorprogrammiert. Präventive Maßnahmen können unter dem Stichwort Nachhaltigkeit eingeordnet werden.

Wie könnte diese Ihrer Meinung nach aussehen?

Arbeitsmediziner haben generell nur beratende und empfehlende Funktion. Sie können legitimiert nur eingreifen, wenn eine akute Gefährdung der körperlichen Unversehrtheit oder eines höheren Sachgutes vorliegt oder zu erwarten ist.

Üblicherweise ist der Arbeitnehmer motiviert und bringt Leistung. Diese Einstellung basiert unbeeinflusst auf einer gegenseitigen Wertschätzung (Arbeitgeber und Arbeitnehmer) auf emotionaler Ebene einerseits, andererseits auf dem entsprechenden Ausgleich von Leistung und Lohn. Dieser Optimal-Zustand kann sich in einer Krise unausgewogen zu Lasten der Mitarbeiter verschieben. Der Verzicht auf das Weihnachtsgeld und andere Gratifikationen soll den Arbeitsplatz erhalten. Diese Zuwendungen sind aber Ausdruck von Wertschätzung und können als fixe Gewinnbeteiligung verstanden werden. Die Unausgewogenheit darf nicht zur Regel werden, sonst kann nicht nur mentale Unzufriedenheit entstehen, sondern es können sich auch körperliche Symptome bis hin zu körperlichen und/oder seelischen teils unlimitierten Erkrankungen entwickeln.

Wie kann dann konkret ein gutes Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis aussehen, das die Gesundheit des Mitarbeiters ebenso erhält wie den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens?

Wie bereits dargestellt ist die Ausgewogenheit das Rezept. Ein Mitarbeiter muss sein Bestes für den Betrieb oder das Unternehmen geben und geben können. Das heißt, dass er nicht nur die Konditionen des Arbeitsvertrages erfüllt, sondern auch auf menschlicher Ebene engagiert und loyal ist. Der Arbeitgeber ist jedoch letztlich allein verantwortlich für die Betriebsführung. Von ihm initiierte und angebotene präventive und wertschöpfende Maßnahmen sind konkret die angemessene Ergänzung zu Lohn für Arbeit. Wichtig ist hierbei die emotionale Ebene. Mitarbeitergespräche auf Augenhöhe, Fortbildung der Führungskräfte, Teamcoaching, und gegenseitige Wertschätzung, sind Inhalte für eine professionelle und humane Unternehmensführung. Langfristig sichert dieser Führungsstil nicht nur das interne Arbeitsklima, sondern auch die externe Marktposition. Denn Mitarbeiter sind das Kapital eines jeden Unternehmens. Zufriedene Mitarbeiter sind bereit, Seite an Seite mit dem Unternehmen auch Durststrecken zu überwinden. Im Prinzip geht es um das beiderseits zustimmende Geben und Nehmen und wie es neudeutsch mit Blick auf die individuelle Lebensplanung so schön heißt: die Work-Life-Balance.

Kennen Sie sowohl positive als auch negative Beispiele hierfür?

Allgemein bekannt ist, dass Lehrer, Mitarbeiter in Pflegeberufen, Manager und auch Ärzte einem hohen Druck ausgesetzt sind und hier die Gefahr des Burn-out-Syndroms gegeben ist. Während aber bislang nur diese beispielhaften Berufsgruppen besonders gefährdet waren, ist die Zunahme der psychosomatischen Erkrankungen in zahlreichen anderen Branchen stark gewachsen. Generell kann festgestellt werden, dass sich die Arbeitswelt wandelt und der Druck an den großen Märkten der Welt zu bestehen wächst.

Unternehmen sind gut beraten, nicht nur das gesetzlich Geforderte umzusetzen, sondern ein achtsames und aufmerksames Miteinander von Geschäftsführung bis zu den ungelernten Mitarbeitern einzuführen und zu pflegen. Eine allgemeine Zufriedenheit wird sich ausbreiten und eine Unternehmensverbundenheit entwickeln! Einige Betriebe beherzigen dies schon heute.

Axel Hauber ist Facharzt für Allgemein- und Arbeitsmedizin in Boll (www.hauber-arbeitsmedizin.de).

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