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Interview  
13.06.2017

Selbsthilfe bei psychischen Belastungen

ESV-Redaktion Arbeitsschutz
Die selfapy-Gründerinnen (Foto: selfapy)
Im Interview berichten die Psychologinnen Nora Blum, Katrin Bermbach und Farina Schurzfeld von selfapy.com - einem Onlineportal für Menschen mit Depressionen oder Stress-Erkrankungen.

Was ist Selfapy und was bieten Sie an?
 
Nora Blum: Selfapy ist Deutschlands erstes Portal für Online-Selbsthilfekurse für Menschen mit Depressionen, Angststörungen und Stress/Burnout. Die Kurse sind wissenschaftlich fundiert und basieren auf den Grundsätzen der kognitiven Verhaltenstherapie. Die Kursteilnehmer erlernen Techniken, mit denen sie ihre Stimmung gezielt verbessern können. In wöchentlichen Gesprächen mit erfahrenen Psychologen wird das neu Erlernte reflektiert und vertieft. Dieses Prinzip der geleiteten Selbsthilfe gilt als sehr effektiv und macht die Kurse von Selfapy besonders nachhaltig.

Selfapy möchte professionelle Hilfe bei psychischen Erkrankungen für jeden und jederzeit zugänglich machen. Außerdem möchten wir Unternehmen dabei unterstützen, die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu fördern. Dazu bieten wir unsere Kurse inklusive Betreuung über das Telefon, Workshops und eine psychische Gefährdungsbeurteilung für das Unternehmen an.

Wie genau läuft das ab? Welche Kosten entstehen?

Nora Blum: Zunächst können Interessierte auf unserer Website einen kostenlosen Selbsttest machen, durch welchen sich abschätzen lässt, ob derzeit eine behandlungsbedürftige Depression, Angststörung oder ein Burnout vorliegen. In einem kostenlosen Erstgespräch mit unseren Psychologen können sie sich weiter informieren und beraten lassen. Die Kurse können natürlich auch ohne Selbsttest und Erstgespräch direkt gestartet werden.

Unsere Kurse dauern 9 Wochen und bestehen aus informativen Videos, psychoedukativen Texten und interaktiven Übungen. Die Kursteilnehmer bearbeiten pro Woche ein Kursmodul und bekommen “offline” Übungen, die ihnen dabei helfen das neu Erlernte im Alltag zu verankern. Wir bieten unsere Kurse mit und ohne psychologische Begleitung an. Bei den begleiteten Kursen führt der Kursteilnehmer einmal wöchentlich ein ca. 20-30-minütiges Gespräch mit seinem persönlichen Psychologen.

Die begleiteten Kurse gegen Depressionen und Angst kosten 179,90 Euro, gegen Stress/Burnout 149,90 Euro. Ohne Begleitung kosten alle Kurse 79,90 Euro. Die Kosten des Stress/Burnout Kurses werden von den gesetzlichen und vielen privaten Krankenkassen anteilig oder komplett erstattet. Unser Ziel ist es, dass auch die Kosten der Kurse gegen Depressionen und Angst von den Krankenkassen übernommen werden.

Ursächlich für Depressionen und Burnout gelten auch arbeitsbedingte Belastungen wie Arbeitsverdichtung oder die Entgrenzung von Berufs- und Privatleben. Wäre es da nicht naheliegend, mit Unternehmen im Rahmen des BGM Kooperationen einzugehen?

Nora Blum: Ja, absolut. Die ersten Kooperationen sind wir bereits eingegangen und wir sind mit weiteren Unternehmen im Gespräch. Die kooperierenden Unternehmen haben unsere 9-Wochen-Kurse in ihr BGM integriert. Somit können ihre Mitarbeiter sich jederzeit bei uns anmelden und kostenfrei einen unserer Kurse inklusive psychologischer Begleitung absolvieren. Zusätzlich bieten wir Workshops und Vorträge zu Themen wie Sport, Ernährung, Stress und Entspannung an und können bei Bedarf Plätze bei Psychotherapeuten vor Ort vermitteln. Außerdem führen wir auf Wunsch eine psychische Gefährdungsbeurteilung für das Unternehmen durch.

Studien zufolge ist in Unternehmen etwa jeder 5. Mitarbeiter von Belastungen wie Stress, Burnout, Sucht etc. ständig betroffen. Wie erleben Sie das in der Praxis? Stimmt in den Unternehmen die Präventionskultur?

Nora Blum: In den vergangenen Jahren hat sich schon einiges verändert und immer mehr Unternehmen erkennen, wie wichtige es ist, die psychische Belastung am Arbeitsplatz zu reduzieren bzw. die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu fördern. Doch es gibt definitiv noch viel Nachholbedarf, besonders in den mittelgroßen Unternehmen und im öffentlichen Dienst. Eine wichtige Rolle spielt hier die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen. Das führt dazu, dass oftmals erst gehandelt wird, wenn es bereits zu spät ist.

Was empfehlen Sie Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, in ihrem beruflichen und privaten Umfeld zu ändern oder neu zu fokussieren?
 
Nora Blum: Die sogenannte Work-Life-Balance spielt hier eine wichtige Rolle. Das Berufs- und Privatleben sollten im Gleichgewicht gehalten werden. Im beruflichen kann dies z.B. bedeuten, dass man Aufgaben delegiert, um Hilfe bittet, wenn die Arbeit zu viel wird, regelmäßige Pausen einhält und Überstunden vermeidet. Nach Feierabend und am Wochenende sollten keine dienstlichen E-Mails gelesen oder Anrufe beantwortet werden. Sport, Entspannung sowie schöne Aktivitäten mit Familie und Freunden sorgen im Privaten für einen Ausgleich.

Für Menschen mit einer Depression ist es zudem wichtig, dass sie ihr Selbstbewusstsein stärken und lernen, wieder positiv zu denken. Die sogenannte Depressionsspirale, quasi ein Strudel negativer Gedanken, muss und kann umgekehrt werden. Hierbei helfen Methoden der Verhaltenstherapie, die wir in unserem Depressionskurs anwenden. Die betroffene Person lernt, ihre negative Gedanken zu hinterfragen und umzustrukturieren. Außerdem werden die Gedanken und Gefühle aktiv durch positive Handlungen beeinfluss und die Stimmung so gesteigert.

Wie schätzen Sie die Situation gesamtgesellschaftlich ein? Erleben wir eine neue Offenheit für früher eher stigmatisierte psychische Krankheiten?

Nora Blum: Einerseits gab es in den vergangenen Jahren viele Aufklärungskampagnen und Versuche, der Stigmatisierung entgegenzuwirken. Andererseits hat sich die Situation dadurch leider weniger verbessert, als erhofft. Es wird zwar offener über z.B. Depressionen gesprochen, doch die Erkrankung ist nach wie vor mit viel Scham behaftet, denn sie wird von vielen Menschen als Schwäche angesehen. Interessanterweise gehört das Burnout in einigen Berufen schon fast zum guten Ton dazu, da es suggeriert, dass der Betroffene sich zuvor besonders stark engagiert hat. Wir hoffen, dass wir durch unsere eigene Medienpräsenz dazu beitragen können, das Stigma psychischer Erkrankungen zu reduzieren. Depressionen, Angststörungen oder Burnout können jeden treffen und dafür sollte sich niemand schämen.

Die Gründerinnen von selfapy
Katrin Bermbach, Gründerin & COO, hat Psychologie an der International Psychoanalytic University Berlin studiert. Währenddessen war sie Forschungsmitarbeiterin an der Charité, Campus Mitte.

Nora Blum hat Psychologie an der University of Cambridge studiert und nach ihrer Mitarbeit in der Psychiatrie bei Rocket Internet gearbeitet.

Farina Schurzfeld, Gründerin & CMO, hat einen M.Sc. Abschluss von der USyd und bereits mehrere Start-ups erfolgreich mit gegründet. Sie bringt jahrelange Erfahrung im Bereich Unternehmensführung & Marketing mit.


Literaturempfehlung zum Thema aus dem Erich Schmidt Verlag

Sohn/Au
Führung und Betriebliches Gesundheitsmanagement

Die Digitalisierung der gesamten Arbeitswelt, die Vernetzung von Maschinen und Arbeitsmitteln untereinander, die Globalisierung von Handel, Dienstleistung und Produktion, die immer kürzeren Innovationszyklen, die Miniaturisierung immer neuer Technikfelder und eine nahezu inflationäre Informationsflut erfordern von Unternehmen und Beschäftigten ein Maß an Flexibilität und Einsatzbereitschaft, welches noch vor wenigen Jahren in diesem Umfang nicht zu prognostizieren war. Diese Entwicklungen finden vor dem Hintergrund einer sich durch demografische Veränderungen und gleichzeitig durch eine Migrationsbewegung historischen Ausmaßes grundlegend wandelnden Gesellschaft statt.

Diese Entwicklungen werden mit Sicherheit gravierende Einflüsse auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in Deutschland erhalten. Es ist daher erforderlich, insbesondere angesichts heterogener Belegschaften, verstärkt zu berücksichtigen:

• die betrieblichen Abläufe gut zu gestalten
• psychische Belastungen einschließlich Arbeitszeit und Arbeitsintensität zu beurteilen und ggf. zu optimieren
• Führungsmethoden fair, transparent und partizipativ zu gestalten
• Personalentwicklung zu betreiben, einschließlich der erforderlichen fachlichen und sozialen Kompetenzen
• betriebliche Gesundheitsförderung zu betreiben
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