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Interview Carolin Blum  
14.09.2015

Psychische Belastungen durch neue Technologien

ESV-Redaktion
Carolin Blum
Digitalisierung und Arbeit 4.0: Wandelnde Arbeitsbedingungen schaffen neue Belastungen. Wie können diese so bewältigt werden, dass Beschäftigte dauerhaft gesund bleiben? Dieser Frage geht die Soziologin Carolin Blum nach.

ESV-Redaktion: Bitte schildern Sie kurz Ihr Forschungsgebiet bzw. welchen Fragestellungen Sie nachgehen.

Carolin Blum: Ich arbeite auf dem Gebiet der Organisations- und Arbeitssoziologie. Typische Fragestellungen beschäftigen sich mit der Gestaltung von Arbeit, den Auswirkungen für die Belegschaft und deren Handlungsmöglichkeiten. Als Soziologin ist es für mich immer relevant den gesellschaftlichen Kontext mitzudenken. Mein aktuelles Forschungsthema verdeutlicht das: Ich forsche über Arbeitsbedingungen unter Berücksichtigung von Digitalisierung, demografischem Wandel oder Globalisierung. Die zentrale Frage lautet: Wie können Belastungen, die mit sich wandelnden Arbeitsbedingungen einhergehen bewältigt werden, so dass Beschäftigte dauerhaft gesund bleiben?

ESV-Redaktion: Die zunehmende Digitalisierung der Arbeit sollte und könnte unser (Arbeits-)Leben vereinfachen. Aber ist das so?

Carolin Blum: Digitalisierung kann das Arbeitsleben erleichtern. Zum Beispiel können körperliche Arbeiten zukünftig vermehrt von Maschinen übernommen werden. Aber es ist wichtig, solche positiven Effekte nicht zu verallgemeinern. Zum einen können zum jetzigen Zeitpunkt noch keine abschließenden Prognosen über die Auswirkungen des digitalen Wandels gemacht werden, da nicht abgeschätzt werden kann, wohin die Reise führen wird. Zum anderen ist es wichtig, auf potenzielle Risiken zu verweisen, um den Wandel entsprechend zu gestalten. Diesbezüglich deuten die Ergebnisse unserer Studie an, dass der digitale Wandel zu einer Komplexitätssteigerung und Beschleunigung führt. Der Arbeitsalltag kann eher anstrengender als einfacher werden, wenn technische Kenntnisse immer auf dem aktuellen Stand gehalten, Informationen schneller verarbeitet und eine ständige Erreichbarkeit durch Smartphones gegeben sein müssen. Was unsere Studie auch zeigt ist, dass es von vielen Beschäftigten geschätzt wird, aufgrund von neuen Kommunikationstechnologien an flexiblen Orten und zu flexiblen Zeiten arbeiten zu können.

Dadurch können Wegzeiten zum Arbeitsplatz gespart und die Vereinbarung von Arbeit und Beruf erleichtert werden. Allerdings gehen auch damit neue Belastungen einher. Die Beschäftigten müssen ihren Arbeitsalltag selbst managen, müssen selbst entscheiden, wann ihre Arbeitszeit endet und die private Zeit beginnt und sie müssen sich selbst gegenüber einer ständigen Erreichbarkeit abgrenzen. Das erfordert Kompetenzen, die den meisten Beschäftigten nicht mit an die Hand gegeben werden. Sie benötigen Zeit, um sich diese Kompetenzen selbst anzueignen. Doch Zeit ist bei diesen Beschäftigten ein oft knappes Gut, da, so zeigen Studien, flexible Arbeitszeiten und –orte eine oft unbemerkte Ausdehnung der Arbeitszeit mit sich bringen. Neue Technologien haben also zwar einerseits das Potenzial, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Andererseits gehen sie aber auch mit neuen Anforderungen einher, die Zeit und Leistung von den Beschäftigten fordern.

ESV-Redaktion: Welche Einflussmöglichkeiten haben Beschäftigte, arbeitsbedingten Stress zu reduzieren? Gibt es Strategien, die Sie empfehlen?

Carolin Blum: Aufgrund unserer Daten wissen wir, dass Beschäftigte ihren Arbeitsalltag selbst so gestalten können, dass sie weniger Stress erleben, z.B. indem sie To-Do-Listen führen oder E-Mails nur zu bestimmten Zeiten bearbeiten, statt immer dann, wenn sie eintreffen. Aber diese Selbstmanagement-Strategien haben ihre Grenzen und können nicht als Allheilmittel gegen Stress gesehen werden. Wir haben festgestellt, dass viele Beschäftigte unter einem sehr hohen Zeit- und Leistungsdruck leiden, da sie zu viele Projekte gleichzeitig stemmen müssen oder die Deadlines zu knapp gestaltet sind. Ein verbessertes Selbstmanagement kann da nur bedingt helfen. Die Organisationen sind an dieser Stelle gefragt. Allerdings wird von diesen die Verantwortung für Belastungsbewältigungen häufig an die Beschäftigten abgegeben, indem sie sie beispielsweise zum Thema Zeit- und Selbstmanagement weiterbilden. Die Einflussmöglichkeiten der Beschäftigten müssen daher in Abhängigkeit von den Rahmenbedingungen gesehen werden, die die Organisationen vorgeben.

ESV-Redaktion: Was müssen Organisationen – also Unternehmen – an Veränderung leisten? Wie muss Arbeit organisiert sein?

Carolin Blum: Organisationen sollten sich zunächst über das Vorhandensein von psychischen Belastungen bewusst werden und die Ursachen kennen. Wie unsere Studie zeigt, ist das Thema noch häufig ein Tabu. Beschäftigte reden nicht über ihre psychischen Belastungen, wenn es die Organisationskultur nicht vorsieht. Daher wäre es relevant, dass Organisationen das Thema legitimieren. Des Weiteren wäre es wichtig, dass technische Neuerungen von den Organisationen nicht als Erleichterungen pauschalisiert werden. Häufig werden nur die neuen Handlungsmöglichkeiten gesehen, die damit einhergehen, aber eben nicht die zusätzlichen Zeitressourcen, die dadurch nötig werden. Daher sollte den Beschäftigten mehr Zeit eingestanden werden, die unter anderem für Weiterbildungen im Umgang mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien benötigt wird. Blickt man in die Zukunft und geht man davon aus, dass der digitale Wandel Effekte wie Komplexitätssteigerung, Beschleunigung und einen Anstieg an Zeit- und Leistungsdruck mit sich bringt, wäre es wichtig Arbeit so zu gestalten, dass auch Tätigkeiten für Geringqualifizierte erhalten bleiben. Da wir uns nicht nur in einer Zeit des digitalen sondern auch des demografischen Wandels befinden, stellt zudem eine alternsgerechte Arbeitsgestaltung eine relevante Herausforderung dar. Darüber hinaus ist es aber schwierig, generelle Gestaltungsratschläge zu geben. Wir haben daher ein Workshop-Konzept entwickelt, das es ermöglicht, Organisationen spezifisch zu beraten.
Bei Interesse können sich Organisationen gerne an uns wenden (carolin.blum@uni-wuerzburg.de).

Zur Person


Carolin Blum ist diplomierte Soziologin und forscht am Lehrstuhl für Psychologische Ergonomie an der Julius-Maximilian-Universität Würzburg.

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