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ARBEITSSCHUTZuptodate!
Manipulationen an den Sicherheitsvorkehrungen von Maschinen sind in Deutschlands Betrieben eher an der Tagesordnung als die Ausnahme. Zwar lassen sich viele „Schuldige“ identifizieren, die Hauptlast der Verantwortung trägt aber der Hersteller. Dieser Artikel beleuchtet vor dem Hintergrund einer der wenigen Studien zu diesem Thema die Gründe und stellt Lösungsansätze vor.
Eine bahnbrechende Studie hat 2006 auf die Dringlichkeit des Problems der Maschinenmanipulation durch das Aushebeln und Umgehen von Schutzeinrichtungen aufmerksam gemacht. Das ist bis heute ein Tabuthema des Arbeitsschutzes in Deutschland.
Manipulationen an den Sicherheitsvorkehrungen von Maschinen sind in Deutschlands Betrieben eher an der Tagesordnung als die Ausnahme. Die Manipulation erscheint dabei als „Teufelskreislauf“, angetrieben von dem Dualismus zwischen sicherheitstechnischen Schutzkonzepten einerseits und ökonomischer Effizienzsteigerung sowie Anforderungen an die Bedienbarkeit andererseits. Vom Konstrukteur bis hin zum Maschinenbediener lassen sich viele „Schuldige“ identifizieren. Die Hauptlast der Verantwortung trägt aber der Hersteller, der die Sicherheit und die Bedienbarkeit seines Produkts besser in Einklang bringen sollte. Dieser Artikel beleuchtet vor dem Hintergrund einer der wenigen Studien zu diesem Thema die Gründe dieser Verhaltensweisen und stellt Lösungsansätze vor.
Als Manipulation der Sicherheitsvorkehrungen von Maschinen und Anlagen wird generell das „Aushebeln“, „Unwirksammachen“ und das „Umgehen“ von Schutzmaßnahmen auf zweierlei Arten verstanden, um eine Maschine in einer vom Konstrukteur nicht vorgesehenen Weise oder ohne Schutzmaßnahmen zu verwenden: [1]
Die EG-Maschinenrichtlinie und das Arbeitsschutzgesetz (§15, 2) verpflichten die Hersteller bzw. Konstrukteure Maschinen auf den Markt zu bringen, die ein schlüssiges und vorausschauendes Sicherheits- und Bedienungskonzept besitzen. Das schließt eigentlich auch ein, alle möglichen Manipulationen und Fehlanwendungen an der Maschine quasi vorauszudenken und das Produkt so praxistauglich zu konstruieren, dass der Wunsch nach Manipulation bei den Bedienern gar nicht erst aufkommt. In der betrieblichen Realität fehlt es den Konstrukteuren wegen des hohen Verkaufsdrucks in vielen Fällen einfach die Zeit, ein solches Konzept zu entwickeln und zu verwirklichen. Vor allem aber erhöhen anspruchsvollere Sicherheitskonzepte auch die Kosten der Maschine, können zur Verlangsamung der Funktionsprozesse der Maschine führen und sind daher auch nicht immer im Interesse des Kunden. [1]
Ralf Apfeld, Referatsleiter im Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) in Sankt Augustin bei Bonn und Mitverfasser einer der führenden Studien zum Thema Manipulation an Maschinen (siehe unten), erklärt den Dualismus zwischen sicherheitstechnischen Anforderungen und wirtschaftlichen Interessen so: „Natürlich muss eine Maschine möglichst schnell produzieren, gut sein und billig. Ach ja, sicher muss sie natürlich auch noch sein! Deshalb wird am Ende der Konstruktionsphase noch die Schutzeinrichtung auf die fertige Maschine aufgesetzt. Dummerweise stören solche aufgepfropften Lösungen oftmals den Maschinenbediener im Betrieb."
Das Umgehen und die Manipulation von Schutzeinrichtungen an Maschinen und Anlagen war lange Zeit ein tabuisiertes Thema. Dabei spielen sich fast täglich Unfallgeschehen wie das folgende ab: Die Mitarbeiterin einer Bäckerei wollte eine Störung in der Teigteilmaschine beheben. Dazu ging sie in den engen, rund 50 cm breiten Bereich hinter der Maschine hinein, um die Seitenverkleidung zu öffnen. Während die Mitarbeiterin in gebückter Haltung in der Maschine hantierte, betätigte ein Kollege an der Vorderseite der Maschine den Einschalter. Er hatte offensichtlich weder die Störung noch seine Kollegin hinter der Maschine bemerkt. Die Frau wurde von Maschinenteilen erfasst und erlitt einen Oberarmbruch. Die Unfallursachen: Der zur Tür gehörende Positionsschalter war nicht mehr vorhanden. Deshalb konnte die Maschine auch bei geöffneter Schutzeinrichtung (Seitentür) anlaufen. [2]
Dieser Fall verdeutlicht beispielhaft die Komplexität der Ursachen bei Unfällen aufgrund von Manipulationen. Das Sicherheitskonzept des Herstellers der Teigteilmaschine war zunächst einmal nicht ideal, denn der Positionsschalter war offensichtlich leicht zu entfernen und eine zweite, zusätzlich absichernde Sicherheitsvorkehrung war nicht vorhanden. Somit war der Manipulationsanreiz aufgrund der technischen Ausgangssituation für den späteren Betreiber bereits recht hoch. In diesem Fall lag die Hauptschuld aber bei den Betreibern der Maschine in der Bäckerei. Zum einen wurde die Maschine durch das Entfernen des Positionsschalters entscheidend manipuliert, vermutlich um Arbeitsprozesse zu „vereinfachen“ oder zu „beschleunigen“, zum anderen waren die Mitarbeiter nicht in die Störungsbehandlung und die Überprüfung der Schutzeinrichtung unterwiesen – somit konnte von einer betrieblichen Sicherheitskultur in diesem Fall wirklich nicht die Rede sein. [2]
Die Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zeigte zu Anfang des Jahrhunderts zwar, dass sich 60 Prozent aller Unfälle an stationären Industriemaschinen an fehlerfrei arbeitenden Maschinen ereignen. Ob diese aber auf Manipulationen zurückzuführen sind, blieb unklar. Denn präzise Aussagen über das Ausmaß von Manipulationen in Betrieben und ein damit im Zusammenhang stehendes Unfallgeschehen konnte bis dato nicht getroffen werden. Auch auf die Frage, was Mitarbeiter dazu verleitet, Schutzeinrichtungen zu manipulieren, gab es keine Antwort. Erklärungen hierfür lieferte 2006 für Deutschland erstmals die Studie „Manipulation von Schutzeinrichtungen an Maschinen“, die vom Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG) herausgegeben und von Mitarbeitern des Berufsgenossenschaftlichen Instituts für Arbeitsschutz (BGIA), das heutige Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA), erstellt wurde. Das Projektteam entwickelte dazu zwei Erhebungsinstrumente: Mittels eines „allgemeinen“ Fragebogens wurden die Einschätzungen von rund 1.000 Arbeitsschutzexperten zum Thema Manipulation erhoben, während ein „spezieller“ Fragebogen das spezifische Manipulationsgeschehen im Betrieb auf der Basis von 200 untersuchten Maschinen erfragte. Die Ergebnisse wurden thematisch nach psychologischen, ergonomischen und technischen Kriterien analysiert. Und sie waren alarmierend: Etwa 37 Prozent der Schutzeinrichtungen an den Maschinen waren vorübergehend oder ständig manipuliert. Was waren die Gründe?
Die detaillierten Ergebnisse der Studie können zusammen mit vielen anderen einschlägigen Informationen zur Studie und zum Thema Manipulation generell auch auf der Internetseite www.stop-defeating.org nachgelesen werden. Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie aber lassen sich so zusammenfassen: [3]
Aber wie erreicht man nun, dass Maschinen nicht mehr manipuliert werden? Die Studie schlug folgende Lösungsansätze vor: [3]
| Der Autor |
| Dr. Joerg Hensiek, promovierter Politikwissenschaftler, ist freiberuflicher Journalist, Redakteur und PR-Berater. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen im betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz, in der beruflichen Qualifizierung von Menschen mit Behinderungen, der Berufsausbildung in der Land- und Forstwirtschaft sowie in der Forst- und Holzwirtschaft im Allgemeinen. |
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