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Arbeitsorganisation  
02.02.2017

Gefährdungsermittlung psychischer Belastungen im Kloster

Hildegard Schmidt
Wertvoll arbeiten! Qualität und Gesundheit in St. Maria (Foto: H. Schmidt)
Die Mallersdorfer Schwestern sind bekannt für ihre Innovationsfreude über ihr caritatives Engagement hinaus. Gemeinsam mit der Pflegedienstleistung und der zuständigen Fachkraft für Arbeitssicherheit wurde in einem kompakten Vorgehen ermittelt, welche psychischen Belastungen Weltliche und Schwestern des Ordens bei ihrer Arbeit in der Altenpflege haben.

Mittels Beobachtungsinterview wurden beschwerliche Tätigkeiten unterschiedliche Zielgruppen in der Altenpflege hinterfragt. Dazu ging ein Team von zwei Frauen im Mai und Juni 2016 direkt an die Arbeitsplätze, berieten gleichzeitig und besprachen machbare Lösungen.

Im Mutterhaus Mallersdorf-Pfaffenberg ist ein Altenpflegeheim integriert. Immer wieder „kneift“ es mal zwischen Weltlichen und Schwestern. Etwa 70 angestellte weltliche Frauen und Männer arbeiten im Altenpflegebereich. Auf den Stationen sind ausschließlich Frauen tätig. Auch als Führungskräfte.

Die Wahrnehmung ist, dass ständiger Zeitdruck herrscht, ein hohes Tempo bei der Verrichtung von Teiltätigkeiten spürbar ist und das System an sich wenig Möglichkeiten zum Atem holen lässt. Kurzum, der Begriff „Stress“ macht die Runde. Alle engagieren sich mit Herz und Verstand und Gottes Segen bei der Betreuung schwacher Mitschwestern oder Bewohnerinnen. Das Haus ist geprägt von hoher Empathie, ständiger Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich für die Nächste (Schwester) einzusetzen.

Leitbild St. Maria – Gesundheit und Qualität

Bei der hohen Empathie, dem uneigennützigen Engagement vieler Weltlicher und der Arbeitsbereitschaft der Schwestern ist es üblich, nicht auf die eigenen Ressourcen zu schauen, sondern sich zuerst um die Bedürfnisse des Nächsten zu kümmern. Dass hier die Arbeitsschützerin und zuständige Fachkraft für Arbeitssicherheit sowie die Pflegedienstleitung hohen Handlungsbedarf gesehen haben, führte zur Projektentwicklung „Wertvoll arbeiten!“. Denn das Leitbild des Hauses ist auch gelebte Wirklichkeit. Es beinhaltet auch den Anspruch: Die Qualität der Dienstleistungen und die Gesundheit der Ausführenden sind gleichwertig. Dieses Ziel war der rote Faden im Projekt.

Die Entscheidung, externe Unterstützung hinzuzuziehen, beruhte auf dem Erfahrungswissen, dass in Fragen psychischer Belastung eher betriebsfremde – unvoreingenommene – Interviewerinnen objektivierte Ermittlungen durchführen können. Zumal externe Fachkräfte mit einem gesonderten Blick Dinge hinterfragen, ja auch wertschätzen können.

Die Maßnahme wurde auf freiwilliger Basis ausgerichtet, was die beteiligten Mitarbeiterinnen anbelangte. Alle Stationsleitungen waren verpflichtet, sich dem Beobachtungsinterview zu stellen. So konnten zwei Gruppen – Mitarbeiterinnen auf Station und im Wohnbereich sowie als Kontrollgruppe die Stations- beziehungsweise Wohnbereichsleitungen (Schwestern und Weltliche) – verglichen werden. Als Methode wurde der INQA-Leitfaden Screening Gesundes Arbeiten verwendet. Messmittel und Fotoapparat kamen ebenso zum Einsatz.

Projektablauf

Vor Beginn der Interviewphasen gab es umfangreiche Informationen für die Ordensführung, die verantwortlichen Multiplikatoren und die Mitarbeiterinnen. Ziel war es, einen hohen Beteiligungseffekt zu erreichen. Denn schon vor Projektbeginn war klar, dass sich organisatorische Änderungen ohnehin nur gemeinsam im Team würden vereinbaren lassen. Dazu ist eine direkte, frühzeitige Beteiligung an der Ermittlung und Auswertung nötig. Nach einer Erhebungsphase von insgesamt vier Tagen, inklusive Erstbegehung, Orientierung und Vorstellung als externe Fachkräfte als vertrauensbildende Maßnahmen, folgte die Auswertungsphase.

In der Auswertungsphase erstellten die Beraterinnen den Maßnahmenverfolgungsplan. Analyse, Beurteilung, Maßnahmen wurden je Arbeitsbereich zusammengestellt. Für eine Gesamtkonferenz der Ergebnisse wählte das Team eine Folienpräsentation mit vielen Fotos aus den Begehungen. Letzteres veranschaulicht auf sehr gute Weise, wie vorgegangen wurde und welche Zustände eine Bedeutung haben können.

Konferenz

Der Plan wurde im Rahmen eines Workshops allen Beteiligten und betroffenen Führungskräften vorgestellt. Das Besondere: Der Workshop umfasste zwei Teile. Im ersten Teil wurde mit allen Beteiligten das Ergebnis mit seinen Schwerpunktthemen vermittelt. Im zweiten Teil waren ausschließlich die Entscheidungsträgerinnen, Stations- und Wohnbereichsleitungen, vertreten. Diese erarbeiteten in Kleingruppen zu vorher vereinbarten Themen Lösungsansätze. Zusätzlich arbeiteten sie an typische Hinderungsgründen und Risiken, die mit dem Thema zusammenhingen. So waren die Frauen für Widerstände bei der Umsetzung ihrer Vorschläge in der Mitarbeiterschaft besser gerüstet.

Das Besondere des Altenpflegeheims St. Maria ist, dass alle Schwestern, so mobil genug, am Gemeinschaftsleben teilnehmen. Die Atmosphäre des Hauses ist nicht nur aus spiritueller Sicht harmonisch, zugewandt und herzlich. In St. Maria spiegelt sich die Grundlinie der Gemeinschaft wider, eingebettet in den klösterlichen Alltag. Der Schwerpunkt liegt auf der caritativen Tätigkeit, d. h. für den anderen in Not verfügbar zu sein. Diese Ausrichtung der Schwestern setzt die weltlichen Mitarbeiter gelegentlich unter Zugzwang, sich ständig aktiv zu zeigen. Geschieht dies nicht, könnte der Eindruck sein, sie wären „nicht emsig genug“. So wundert es nicht, dass das zweiköpfige Beratungsteam in der Zeit der Arbeit vor Ort die eine oder andere Schwester mit weit über 90 Jahren mit Tabletts bewaffnet durch die Gänge gehen sahen oder eine Schwester, die auf ihrem Rollator Bewohnerinnenmappen an Ort und Stelle brachte. Ob die zusätzliche Hilfe in den Verteilerküchen, die vielen Transportdienste innerhalb des Ordens oder die akribische Vorsortierung von Müll in einem gesonderten Gebäude: Allen Schwestern war anzumerken, dass sie ganz selbstverständlich ihren Beitrag am Gesamtgeschehen lieferten.

Der ebenso große engagierte Einsatz der berufsmäßig beschäftigten jüngeren Schwestern zeigte sich an einer unermüdlichen Geschäftigkeit, ja „Unruhe“. Bei genauerer Betrachtung war feststellbar, dass dies zur Kultur des Hauses gehört. Deshalb nahmen die Expertinnen innerhalb der Beobachtungsinterviews die Gelegenheit wahr, auf die Notwendigkeit sowie den physischen und psychischen Nutzen von Mikropausen und Erholung hinzuweisen. In der Konferenz gelang es, besonders den Ordensschwestern mit Leitungsfunktion die gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung von Kurzpausen und Leistungsbereitschaft zu erläutern. Aus diesem wichtigen Themenkontext heraus erarbeitete eine Kleingruppe Lösungen für ein angemessenes Pausenverhalten.

Ziel: Wir akzeptieren, wenn für ein-drei Minuten vollständiges Nicht-arbeiten wahrgenommen wird. Gleichzeitig ergab sich aus den Untersuchungen auch der hohe Bedarf an Lob und Anerkennung für die Anstrengungen, die geleistet wurden. Was für Schwestern eine elbstverständlichkeit der Nächstenliebe und lediglich Gottes Lob bedurfte, war für Weltliche vor allem durch erkennbare Zeichen der Anerkennung herauszustellen. Eine solche Lob- und Kritikkultur muss sich erst einmal entwickeln. Begonnen wurde damit in der Konferenz, in der die Chancen für das gemeinsame bessere Miteinander besprochen wurden. Kurzpausen oder Erholungspausen zu nehmen – ohne Unterbrechungen – war eines der erklärten Ziele.

Das Projekt hörte zwar für das externe Beratungsteam auf, die Ergebnisse machen jedoch bis heute die Runde. Einen besonderen Impuls, so erläuterte es die Fachkraft für Arbeitssicherheit, setzte der Gewerbearzt des Bezirks Niederbayern. Er ließ sich alle Ergebnisse aus der psychischen Gefährdungsermittlung zeigen und gab den Stationsleitungen zusätzliche Hausaufgaben. Im Detail sollten die Frauen niederlegen, welche Tätigkeiten sie für wie lange wie häufig ausführen. Ziel ist, noch konzentrierter nach Zeitdieben zu schauen. Denn Zeitdruck ist häufig selbstgemacht. Dem Unternehmen Altenpflegheim St. Maria ist viel Erfolg zu wünschen.

Die Autorin
Hildegard Schmidt ist Dipl.-Verwaltungswirtin und hat im Weiterbildungsstudium Arbeitswissenschaft studiert. Sie ist als BGW-Tutorin in Hildesheim tätig.


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